Wut und Essstörungen: Warum Wut für die Heilung so wichtig ist

Wut und Magersucht

Wenn wir über die Heilung von Essstörungen lesen, geht es oft um Selbstliebe, Akzeptanz und Body Positivity. All diese Dinge können ohne Frage wichtig und heilsam sein. Aber die Emotion, die meinen Weg aus der Magersucht am stärksten geprägt hat, war und ist mit Abstand Wut.   

Viele Personen mit Essstörungen fühlen einen Widerstand – manchmal auch eine regelrechte Weigerung – Wut zu zeigen. Wie wir mit Wut umgehen, hat in den meisten Fällen etwas damit zu tun, wie wir aufgewachsen sind. Oft haben wir sowohl familiär als auch kulturell nicht gelernt, dass es sicher ist, sogenannte “negative” Gefühle auszudrücken. Stattdessen machten wir vielleicht die Erfahrung, dass es gefährlich für uns ist, uns mit Wut, Verletztheit oder Angst zu zeigen, da wir abgewiesen oder nicht ernst genommen werden könnten.   

Diese lauernde Gefahr haben Personen mit Essstörungen häufig so stark indoktriniert, dass sie sicherstellen, überall hineinzupassen, um so selten wie möglich negativ aufzufallen. Erstmal eine kluge Strategie, finde ich – aber sie richtet sich im Endeffekt gegen uns und dagegen, dass wir ein lebendiges, volles und erfülltes Leben führen können.  

Auch ich floh mit meiner eigenen Magersucht in einen Strudel aus Abspaltung und Taubheit und richtete die Gefühle, die eigentlich hinaus in die Außenwelt gehörten, gegen mich selbst. Wurde ein typisches “nettes Mädchen”, ohne Ansprüche und Bedürfnisse.  

Anpassung als Strategie

Wir haben “verlernt”, dass wir mit Dingen in dieser Welt unzufrieden sein dürfen – und dass andere Menschen mitbekommen dürfen, dass wir unzufrieden sind.   

Wir haben verlernt, dass unsere eigene, ganz individuelle Persönlichkeit es wert ist, auf dieser Welt zu sein und voll gelebt zu werden. Wir haben verlernt, dass wir selbst ein verdammtes Recht darauf haben, dass andere uns nicht mögen – wir also nicht das nette Mädchen/der nette Junge sein müssen. 

Wenn das für uns keine fühlbare Wahrheit ist, dann weichen wir dem Leben aus. Wir geben uns dadurch selbst wieder und wieder das Gefühl, dass wir dieser Welt, die irgendwie bedrohlich und unfrei erscheint, nichts entgegensetzen können.  

Und wenn wir der Außenwelt nichts entgegenzusetzen haben, uns nicht wehren können, dann ergibt sich häufig ein Gefühl von Ohnmacht. Um diese Ohnmacht nicht zu spüren, hören wir auf zu essen – im Nicht-Essen sind wir unabhängig vom Außen. Hier haben wir Kontrolle.  

Der Rückweg: Wut

Wenn wir den Rückweg aus diesem Dilemma gehen wollen, dann brauchen wir Wut.  

Jetzt sind Wut und Magersucht zwei Dinge, die nicht so häufig verknüpft werden – und wenn, dann mit klischeehaften Sätzen wie “Du musst eben endlich mal an deine Wut kommen”.  

Gerade Personen, die mit Essstörungen zu tun haben, sagen ganz häufig, dass sie mit Wut nun wirklich kein Thema haben. Dass sie doch wirklich immer Verständnis für andere haben, selbst wenn das Handeln der anderen Person die eigenen Grenzen verletzt. Kommt dir das bekannt vor? Ich kenne das auf jeden Fall sehr gut von mir. 

Wenn wir innerlich wieder frei werden wollen, dann können wir lernen, dieses Muster Stück für Stück zu durchbrechen. Und nichts ist dabei so effektiv wie Wut.  

Denn: Wut setzt Grenzen.  Ich brauche Wut, damit ich mich selbst behaupten kann. 

Wut zeigt auf, dass ich eben nicht für alles und jeden Verständnis habe. Wut ist die Energie, die mir und der Außenwelt zeigt, dass ich ein Recht darauf habe, hier zu sein. Ein Recht darauf, genau so zu sein, wie ich eben bin – mit allen “negativen” Emotionen, mit aller Verletztheit, mit aller Liebe.  

Wut lehrt mich, dass ich mich mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen anderen Menschen voll zumuten kann – ob es ihnen nun passt oder nicht.* 

Wut zeigt mir, dass ich nicht alle Glaubenssätze dieser Gesellschaft übernehmen muss: „Das Gewicht ist wichtig“, „dünn sein ist besser als dick sein“, „gute Noten sind besser als schlechte Noten“ usw.  

Vielmehr kann ich mir die Freiheit erlauben, selbst zu entscheiden, was richtig für mich ist.  

Wut und das Nervensystem

Wenn ich mich zutiefst körperlich wütend fühlen kann, entsteht ein Eindruck und eine Erinnerung in meinem Nervensystem:  

Hey, ich kann für mich einstehen! Ich kann mich wehren! Ich bin nicht nur da, um es anderen Recht zu machen und zu gefallen!  

Auch ICH habe Bedürfnisse, die ICH an die Außenwelt stelle!  

Diese Wut, diese Selbstbehauptung, muss körperlich erfahren werden. Wenn das passiert, dann lernt mein System in der Tiefe: Ich habe Grenzen, und die kann ich verteidigen. Ich habe dieser Außenwelt etwas entgegenzusetzen.   

Daraus resultiert eine innere Sicherheit, ein “Endlich Hier-sein Dürfen”. Ein zur Ruhe kommen im Inneren.   

Der Zugang zu dieser inneren Erlaubnis, bedingungslos hier sein zu dürfen, öffnet sich mit der Zeit mehr und mehr – und öffnet damit der Selbstliebe, Akzeptanz und, wenn man will, aller Body Positivity, wie von selbst alle Pforten.  

Das Recht, du selbst zu sein

Wenn ich nur ein Tool nennen könnte, dass mir auf meinem Heilungsweg geholfen hat, dann ist es Wut.  

Die Wut, nicht mehr immer nur richtig und passend zu sein. 

Ja, wenn ich wütend bin, sage ich: Lieber schäme ich mich für das Ausleben meiner Gefühle und Bedürfnisse, als meine Energie noch eine Sekunde gegen mich selbst zu richten.  

Sich dieses Recht zurückzuholen, sich pur zu zeigen, ist ein Weg und ein Prozess. Es ist das Kernstück meines Anliegens, wenn ich über Essstörungen schreibe und spreche. Dieses Recht ist unser Geburtsrecht. Ich wünsche mir so sehr, dass sich Personen mit Essstörungen mehr auf dieser Welt zeigen – mit all der Zartheit und Sensibilität, und mit all der Wut und Energie, die in uns steckt.

Wie gehst du mit dem Thema Wut um? Konntest du etwas für dich mitnehmen? Berichte gerne in den Kommentaren!

 *an dieser Stelle dürfen wir uns auch von der kulturell tief verankerten Vorstellung lösen, dass wir immer auf alle anderen Rücksicht nehmen müssen und Mitgefühl zeigen müssen. Ja, Mitgefühl ist wundervoll, wenn es aus dem Herzen kommt, aber in erster Linie müssen wir gucken, dass wir unsere Grenzen klar ziehen können. Ist das nicht der Fall, dann können wir auch kein wirkliches Mitgefühl fühlen!

Dieser Artikel ist ein Gastartikel von mir im Blog von Saskia von Buntezebras, erschienen am 10.05.2022.

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Photo by Milad Fakurian on Unsplash.

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