Balsam fürs Nervensystem 1: Tools bei Gefühlen von Einsamkeit

Tools bei Gefühlen von Einsamkeit

Vor einiger Zeit fühlte ich mich oft allein. Ich hatte das Gefühl, dass da niemand war, der mich wirklich auffangen würde, wenn ich falle. Es war, als könne ich die Unterstützung von Freunden und Familie nicht fühlen, obwohl sie da war – nicht in der Tiefe spüren, dass da wirklich andere Menschen waren, mit denen ich das Leben teile.

Am Ende, so dachte ich, muss ich es ja doch alleine machen.

Daraus entwickelten sich sogar existenzielle Ängste: Würde ich beispielsweise keinen Job finden, wer würde mir dann helfen? Ich hatte ständig das Gefühl, auf mich allein gestellt zu sein, in einer Welt, in der jeder nur für sich selbst kämpft. Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch?

Wir leben in einer Kultur, die sehr stark von der Idee geprägt ist, dass jeder seinen eigenen Weg geht. Das kann schön und bestärkend sein, aber es hinterlässt einen faden Beigeschmack, wenn uns dadurch das Gemeinschaftsgefühl verloren geht. Wir Menschen sind „Herdentiere“, wir wollen nicht ständig allein sein und sind darauf angewiesen, dass andere da sind – für und mit uns.

Und so fühlen wir uns oft einsam in einer Welt, die vollgepackter nicht sein könnte mit Menschen.

Was „Alleine Sein“ wirklich bedeutet

Wusstest du, dass allein sein von All-Eins sein kommt?

Wir sind allein, aber wenn wir der wirklichen Idee des Wortes folgen, dann bekommt das Wort einen ganz anderen Bedeutungshintergrund. Universell gesehen sind wir alle eins – aber wir können es nicht fühlen.

Das bedeutet, wir fühlen uns isoliert, abgetrennt, nicht wirklich verbunden mit den anderen Lebewesen um uns herum. In dieser Isolation steckt der Schmerz – nicht in dem Fakt, dass wir allein sind.

So gut wie immer hat dieses Gefühl des Abgetrennt-Seins seinen Ursprung im Trauma. Wir haben uns aus der Verbindung zurückgezogen, weil wir diese Verbindung nicht mehr aushalten wollten, irgendwann vielleicht nicht mehr aushalten konnten. Vielleicht war es in unserer Kindheit oder Jugend einfacher, „das mit der Beziehung zu anderen Menschen einfach zu lassen“, als den Schmerz zu erleben, den Beziehungen mit sich bringen können. Vielleicht haben wir uns tief in uns selbst zurückgezogen, damit wir nicht wieder zurückgestoßen werden oder verlassen werden.

Aber diese Wahl hat einen fürchterlich hohen Preis: Isolation.

Aus der Isolation zurück in die Verbundenheit zu treten ist ein schöner und schmerzhafter Prozess. Wir haben uns daran gewöhnt, uns isoliert zu fühlen. Diese Isolation kann sich anfühlen wie ein Schweben über dieser Welt, nie ganz geerdet, nie ganz hier,- wie könnten wir auch, wenn da niemand und nichts ist, der uns auffängt?

Wir landen nicht geerdet mit beiden Füßen auf der Erde, solange wir nicht spüren können, dass uns dort etwas sicher halten wird.

Ich habe dir zwei wundervolle Übungen mitgebracht, die dich darin unterstützen, dich Stück für Stück aus der Isolation zu bewegen. Ich liebe beide, weil sie mit sanften Händen die harten Panzer aufweichen können, hinter denen wir uns verbergen.

Übung 1

Die erste Übung ist meine absolute Lieblingsübung, stärkt zugleich Verbundenheit und Selbstregulation, und ist sehr einfach:

Du legst deine rechte Hand in deine linke Hand, dabei zeigen beide Handrücken nach unten.

Nun lässt du deine rechte Hand schwer werden: Die linke Hand hält die rechte Hand, ganz sicher und ganz ruhig.

Und nun spürst du einfach dieses Gehaltensein, dieses Getragensein. Du kannst die Augen schließen oder dich ganz entspannt im Raum umsehen. Vielleicht spürst du, dass du tief einatmen oder ausatmen möchtest, lass das in jedem Fall zu und genieße es.

Wichtig: Du machst die Übung immer wieder 3 Minuten lang (oder länger).

Wir machen solche Übungen gerne nur einige Sekunden und gehen dann sofort zu etwas anderem über. Wenn du aber eine Wirkung spüren möchtest, ist es eine wunderbare Idee, etwa 3 Minuten bei der Übung zu bleiben. Und wirklich hineinzuspüren …

Übung 2

Für die zweite Übung brauchst du eine andere Person.

Vielleicht gibt es eine Freundin, die dich immer wieder mit ihren Worten entspannt, oder dein Bruder hat einen zutiefst beruhigenden Effekt auf dich.

Das nächste mal, wenn du dich angespannt, ängstlich oder besorgt fühlst, kannst du diese Person fragen, dich in einem ruhigen Setting mit Dir zu unterhalten.

Wenn deine Freundin, dein Bruder oder auch dein Therapeut nun etwas zu dir sagt, was dich beruhigt, schließe falls möglich die Augen.

Und nimm wahr: Woran spürst du, dass du dich etwas ruhiger fühlst? Atmest Du tiefer? Oder ist die Aufmerksamkeit etwas aus dem Kopf in den tiefere Teile des Körpers gerutscht?

Falls du spüren kannst, dass da auch nur ein klitzekleiner Ticken an Beruhigung stattgefunden hat, kannst du mit ziemlicher Sicherheit sagen:

Diese Person hat dich gerade erreicht. Irgendeine Energie von ihr ist bei dir angekommen.

Das bedeutet: Ihr seid verbunden.

Das einmal wirklich zu SPÜREN, mit dem ganzen Körper zu merken, dass da jemand ist, wirklich da ist, der dich erreichen kann, ist so etwas wie ein echter Game-Changer. Als ich diese Übung zum ersten Mal gemacht habe, ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, in welch krasser Isolation ich mich lange befunden hatte.

Du kannst auch diese Übung immer und immer wieder machen. Sie ist eine der heilsamsten Übungen, die ich zu dem Thema kenne – für einige Momente, und wenn es nur Sekundenbruchteile sind, wird spürbar, dass wir in Wahrheit doch verbunden sind … und unsere Nervensysteme miteinander tanzen.

Erzähl mir gerne von deinen Erfahrungen.

Beitragsbild: Artwork von Tinatini Surmava (2021).

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