Die 2 Säulen, auf denen der Rückweg aus der Magersucht aufbaut

Die 2 Säulen, auf denen der Rückweg aus der Magersucht aufbaut

Wir (Ex-) Magersüchtigen sind in unserer Sensibilität, in unserer Reflektionskraft und der Zartheit unserer Seelen flüssiges Gold für diesen Planeten.

Ich will nicht, dass wir all unsere Gaben und diese immense Brillianz in unserer Magersucht verstecken, sondern wieder mit unserem ganzen Sein auf diesem Planeten landen und uns zeigen, wie wir sind – mit aller Sensibilität, mit aller Zartheit, und mit all der Power, die wir in uns tragen. Und das meine ich ganz ernst.

Aus der Magersucht rauszukommen ist für mich ein Rückweg. Ein Rückweg, auf dem es darum geht, nach und nach zurückzukehren zu uns selbst. Was hier so abstrakt und esoterisch klingt, soll heißen:

Wir dürfen wieder lernen, das, was in uns geschieht und lebendig ist, wichtig zu nehmen. Es geht darum, unser Innenleben mit all seinen Gefühlen, Sehnsüchten und Schatten ins Außen sickern zu lassen, anstatt uns selbst vom Außen überrollen zu lassen und darunter zusammenzubrechen.

Ich möchte dir hier von den zwei Säulen erzählen, die für mich wie zwei Orientierungspunkte am dunklen Nachthimmel waren auf dem Rückweg aus der Magersucht. Beide sind eine Lebensaufgabe in sich – und können uns doch so schnell in großen Schritten heilen lassen. 

1. Säule: Raus aus der Ohnmacht und rein in die Wut

Ich will von ganzem Herzen und unbedingt, dass wir andere Wege finden als eine Essstörung, damit wir uns in dieser Welt nicht hilflos und ohnmächtig fühlen. Dass wir dafür nicht länger gebunden sind, an Wege der Selbstverletzung.

Ich glaube: Wir werden magersüchtig, weil die Magersucht der einzig für uns mögliche Weg ist, in dieser Welt voll von struktureller Gewalt, Trauma und Leistung nicht komplett zu kollabieren (kollabieren = innerlich zusammenzufallen, sich ohnmächtig zu fühlen).  

Einen anderen, einen „besseren“ Weg haben wir nicht gelernt – oder besser gesagt, wir haben ihn seit unserer Geburt verlernt.

Statt uns der Außenwelt mit allen angenehmen und unangenehmen Seiten zuzumuten, haben andere und wir selbst uns antrainiert, so wenig und so unaufällig wie möglich in dieser Welt zu sein.   

Welche Rolle spielt nun Wut bei Empfindungen von Ohnmacht und Hilflosigkeit?

Wir (Ex-)Magersüchtigen sind Meister*innen sind im Lächeln, im Freundlichsein und Nettsein, um nicht unangenehm aufzufallen.

Das bedeutet jedoch auch, dass Wut und Unzufriedenheit mit dem Außen – wie beispielsweise die Wut auf bestimmte Familiensituationen oder Personen – nicht nach außen getragen wird. 

Stattdessen unterdrücken wir unsere Wut, was zu einer großen inneren Ohnmacht vor der Außenwelt führt (!!!) – denn wir können uns nicht wehren, wenn wir nicht wütend sind. Wir können nicht einstehen für uns und unsere Überzeugungen.

Statt also beispielsweise ein wütender Punk zu werden, der seine Eltern in den Wahnsinn treibt, werden wir magersüchtig und richten all unsere Wut-Energie nach innen.  

Das bedeutet also umgekehrt:

Als Weg aus dieser Ohnmacht führt vor allem WUT, WUT, WUT.

Denn Wut kramt genau die Energie vor, die wir zuvor in Form einer Essstörung gegen uns selbst gerichtet haben – und richtet sie nach außen, nach außen, nach außen – denn sie muss nach außen. 

[Das Problem ist, dass Wut gerade für Menschen, die mit Essstörungen in ihrer Geschichte zu kämpfen haben, oftmals unangenehm und schambehaftet ist. Meistens sind wir die ersten, die sagen, dass wir doch überhaupt auf gar nichts und niemanden wütend seien – und dass wir alle anderen doch gut verstehen könnten. Ich würde sagen: Genau deshalb kann der Weg der Wut eine solche Goldgrube für uns sein, wenn wir ihm etwas Zeit und Neugierde widmen.]

Ich wünsche mir so sehr, dass wir uns alle gemeinsam tiefer und tiefer in unsere Wut wagen.

2. Säule: Das Wiederfinden der Weiblichkeit

Magersucht hat sehr viel damit zu tun, das Weibliche in sich zu unterdrücken (ganz egal, ob du nun Mann oder Frau bist). Das zeigt sich nicht nur im Dünnsein, das zeigt sich auch in der fehlenden Menstruation bei uns Damen und der körperlichen Distanz, die wir beginnen, zu anderen aufzubauen.  

Man könnte auch sagen, die “nährende” Kraft fehlt – sinnlich gesprochen und auch zutiefst real.   

Auf einer Ebene führt das häufig dazu, dass wir (Ex-) Magersüchtigen Weichheit, Wärme und Sinnlichkeit zumindest scheinbar ablehnen.

Das kann damit zu tun haben, dass wir solch warme, nährende Aspekte von unseren Müttern nie gelernt und erlebt haben, dass wir gesehen haben, wie sie abgewertet wurden, oder es kann ganz andere Ursachen haben.

Ganz häufig fehlt auch die innere Bereitschaft oder die innere Möglichkeit des Erlebens von Zyklen:

Wir haben die Erfahrung nicht gemacht, dass Dinge kommen und Dinge gehen dürfen in diesem Leben.

Stattdessen ist Magersucht ein Ausdruck von Erstarren, ein nicht loslassen können – zu schlimm waren möglicherweise manche Lebenserfahrungen. Zu bedrohlich war es möglicherweise, dass bestimmte Menschen in unserem Leben einfach gegangen sind.

Und so hört bei uns Frauen auch unser innerer Zyklus, unser Menstruationszyklus, auf zu leben.

Falls wir den Rückweg in diese Weiblichkeit in uns gehen möchten, so ist das meiner Meinung nach:-) einer der schönsten und faszinierendsten Wege, die wir gehen können. Mehr dazu findest du auch in meinem Artikel Yin-Mangel: Wie du dein Yin nähren kannst.

Außerdem möchte ich dir ein Buch ans Herz legen, was mir sehr geholfen hat, Orientierung zu finden in der Wildnis der Weiblichkeit:  

Wild Feminine von Tami Lynn Kent* (momentan leider nur in Englisch verfügbar).   

Mit jeder dieser beiden Säulen könnte man vermutlich ganze Bücher füllen! Ich wünsche mir, dass du mit diesem Artikel einen guten ersten Eindruck von ihnen bekommen hast, und vielleicht bereits erste Schritte damit gehen magst.

Beitragsbild: Artwork von Tinatini Surmava (2021).

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